Das portugiesische Künstlerpaar João Maria Gusmão + Pedro Paiva (*1979/1977, leben in Lissabon) bezeichnet seine Arbeit selbst als „erholsame Metaphysik“. In ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung in der Schweiz zeigen die Künstler im Kunsthaus Glarus neue Filme und eine raumgreifende Camera Obscura. Die eigens für die Ausstellung entwickelten Werkgruppen arrangieren die Künstler in den Ausstellungsräumen zu unterschiedlichen thematischen Konstellationen, die sich zu einer Art Traumlandschaft verbinden. Auf humorvolle Art und Weise fordern sie mit optischen Täuschungen und obskuren Experimenten den menschlichen Verstand heraus und werfen dabei vielschichtige Fragen der Abbildung von Realität auf. Dieses Prinzip der Illusion und Täuschung verfolgen die Künstler auch mit der Camera Obscura, mittels derer sie illusionäre und imaginäre Bildwelten produzieren, die ebenso wie ihre Kurzfilme die Logik der Abbildung hinterfragen und gleichzeitig die Komplexität von Bildproduktionen reflektieren. Die Themen sind dabei vielfältig und wechseln zwischen anthropologisch-aufklärerischer, experimentell-künstlerischer und philosophisch-magischer Art. Sie beschwören so mal wissenschaftliche, mal absurde, dann wieder träumerische Welten.
Pressetext
Das portugiesische Künstlerpaar João Maria Gusmão + Pedro Paiva (*1979/1977, leben in Lissabon) bezeichnet seine Arbeit selbst als „erholsame Metaphysik“. In ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung in der Schweiz zeigen die Künstler im Kunsthaus Glarus neue Filme und eine raumgreifende Camera Obscura. Die eigens für die Ausstellung entwickelten Werkgruppen arrangieren die Künstler in den Ausstellungsräumen zu unterschiedlichen thematischen Konstellationen, die sich zu einer Art Traumlandschaft verbinden. Auf humorvolle Art und Weise fordern sie mit optischen Täuschungen und obskuren Experimenten den menschlichen Verstand heraus und werfen dabei vielschichtige Fragen der Abbildung von Realität auf. Dieses Prinzip der Illusion und Täuschung verfolgen die Künstler auch mit der Camera Obscura, mittels derer sie illusionäre und imaginäre Bildwelten produzieren, die ebenso wie ihre Kurzfilme die Logik der Abbildung hinterfragen und gleichzeitig die Komplexität von Bildproduktionen reflektieren. Die Themen sind dabei vielfältig und wechseln zwischen anthropologisch-aufklärerischer, experimentell-künstlerischer und philosophisch-magischer Art. Sie beschwören so mal wissenschaftliche, mal absurde, dann wieder träumerische Welten.
Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit dem Fri Art Centre d’art de Fribourg, wo vom 08. September - 26. Oktober ein zweiter Teil der Ausstellung, ebenfalls mit neuen Arbeiten, gezeigt wird.
Gusmão + Paiva produzieren ihre Kurzfilme mit einfachsten Mitteln in sparsamer Bildsprache und ohne Ton. Sie arbeiten mit Amateurschauspielern und gestalten Spezialeffekte bewusst ohne grossen technischen Aufwand. Die Ästhetik der Filme erinnert an die Stummfilme oder das klassische Slapstick-Kino der 1920er Jahre, wiederholt lehnt sie sich jedoch auch an frühe wissenschaftliche Dokumentarfilme an. Eine zentrale Inspirationsquelle für das portu-giesische Künstlerduo ist in der Literatur des wenig bekannten französischen Schriftstellers René Daumal (1908-1944) zu finden, der mit seiner „Abissology“, einer fiktiven Wissenschaft des Abgrunds, den Verlust von Mythen in der modernen Gesellschaft kritisierte und erneut nach einer Magie der Dinge suchte. Vergleichbar mit Daumal überlagern sich in den Filmen, Fotografien und Skulpturen von Gusmão + Paiva naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit surrealen, unerklärlichen Erscheinungen, die das Unbegreifliche und Unvorstellbare künstle-risch visualisieren. In ihren Filmen entfaltet sich ein subtiler magischer Realismus, der Anlass dazu gibt, die erkenntnistheoretischen Systeme unserer Wahrnehmung zu hinterfragen. Die Arbeiten lassen ein Misstrauen gegenüber der Vorstellung einer universellen Wahrheit oder Geschichte durchschimmern und verleiten zu einer alternativen Weltsicht irgendwo zwischen Mythos und Wissenschaft, in der sich die technologisch geprägte rationale Erkenntnissuche und surreal-magische Wahrnehmung vermischen.
Für das Kunsthaus Glarus entwickelt das Künstlerduo eine Reihe von neuen Filmen, die sich mit den im Film relevantesten Themen, der Bewegung und Zeit, beschäftigen. Sie schaffen irritierend-rätselhafte Zeit- und Raumkonzepte und hinterfragen damit die erkenntnistheoretischen Grundfesten der menschlichen Wahrnehmung. Die verschiedenen Arbeiten weisen zudem vielschichtige Bezüge zur Kunst-, Fotografie- und Filmgeschichte auf. Die starke Verlangsamung des bewegten Bildes bei der Dokumentation einfacher Phänomene erinnert etwa an die Chrono-Fotografie von Eadweard Muybridge (1830-1904), eines frühen Vorläufers des Mediums Film. Das Re-enactment (die Wiederaufführung) von Muybridge’s Fotoserie Getting into Bed (1887) resultiert bei Gusmão + Paiva im Medium des Films in einer Art Umkehrung. Während Muybridge in einer Vielzahl von Studien des menschlichen und tierischen Bewegungsablaufs versuchte, aus Einzelbildern, Bewegung zu simulieren, geht es bei Gusmão + Paiva um die Verlangsamung und den beinahen Stillstand des bewegten Bildes und damit um eine träumerische Verhüllung der Phänomene mittels der filmischen Technik. Dieses Vorgehen zielt auf eine Verschiebung der Wahrnehmung und eine Konzentration auf das Enigma der Existenz aller Dinge.
Wiederholt fokussieren Gusmão + Paiva auf bahnbrechende Erkenntnisse in der Erforschung der Welt und ihrer physikalischen Gesetze. So etwa mit dem Film 15.000 Year Old Lunar Calendar (2012), der als abstraktes Muster auf den Rückenpanzer einer Schildkröte (dem Sinnbild von Langsamkeit schlechthin) gemalt wird und sich auf früheste Aufzeichnungen eines Mondkalenders in den Lascaux-Höhlen in der Dordogne in Frankreich, bezieht. Ein anderer Film mit dem Titel Darwin's Apple, Newton's Monkey (2012) verquickt Referenzen zur Evolutionstheorie Charles Darwin‘s (1809-1882) und zur Gravitationstheorie Isaac Newton’s (1642-1726) in umgekehrter, sprich absurder Weise (Darwin befasste sich mit der Evolution bei Affen, Newton mit dem Fall von Äpfeln). Im Film fällt ein Apfel in Zeitlupe vor den Augen eines präparierten Affen.
Ein weiterer Bezugspunkt, der die rein rationalen Erkenntnissysteme in Frage stellt, liegt in der fantastischen Literatur von Jorge Luis Borges, der in seinen Essays immer wieder die Redundanz und schliesslich die Aufhebung aller Ordnungs- und Klassifikationsprinzipien postulierte. In seinem 1942 verfassten Essay "Die analytische Sprache von John Wilkins" beschrieb er in einer fiktiven chinesischen Enzyklopädie eine alternative Klassifikation der Tierwelt. Er ordnete die Tiere in 14 Kategorien. Die letzte dieser absurden Kategorien bilden diejenigen Tiere, die in der Distanz, wie Fliegen aussehen. Mit dem Ausstellungstitel und dem gleichnamigen 16mm-Film Those animals that, at a distance, resemble flies (2012) referiert das Künstlerpaar direkt auf dieses erfundene, alternative Klassifikationssystemvon Borges. Mit der gleichnamigen Arbeit, die eine Verlangsamung des Bienenflugs fokussiert, die das menschliche Auge normalerweise nicht in dieser Weise wahrnehmen kann, steht gleichzeitig auch die Umkehrung der Bewegung in die Ferne, nämlich das Zoom zur Diskussion. In einer Camera Obscura im Seitenlichtsaal wird eine bewegte Projektion abstrakter Formen auf eine Bildfläche gezaubert, die einerseits eine Spielerei mit Licht
und Formen ergibt, sich andererseits wiederum - ähnlich wie Borges‘ Fliegen – hier jedoch auf ein gesichertes Prinzip, dasjenige der euklidischen Geometrie bezieht. Dieses besagt, dass die Ecken eines rechteckigen Körpers mit zunehmender Entfernung rund erscheinen.
In solchen Gegenüberstellungen von entfernten Gegenständen, die in der Distanz Unschärfen aufzeigen und kleinen Dingen, die direkt vor dem Auge des Betrachtenden liegen und doch normalerweise nicht wahrgenommen werden, liegt der Fokus dieser Ausstellung. Ein Blick auf die Phänomenologie der Dinge also, der immer ausserhalb des gewohnten Bereiches des menschlichen Auges liegt und deshalb eine wiederholte Adaption unseres Geistes und eine Auseinandersetzung mit den Grenzen unserer Wahrnehmung bedarf. João Maria Gusmão + Pedro Paiva experimentieren in humorvoller Weise mit visuellen Prinzipien, mit Analogien, Umkehrungen und Wiederholungen und der Konfrontation von Bildern und intellektuellen Konzepten. Sie verführen zu einer Reise ins Reich des Absurden, Unfassbaren und Rätselhaften. Sie laden dazu ein, an ihren visuellen Experimenten teilzunehmen und sind dabei doch weit entfernt von einem theoretischen Diskurs oder strikten referenziellen Rahmen.
João Maria Gusmão und Pedro Paiva arbeiten seit 2001 gemeinsam an Kurzfilmen, Skulpturen und Installationen und vertraten 2009 ihr Heimatland an der Biennale in Venedig. Ihre Arbeiten wurden in Einzelausstellungen in der Kunsthalle Düsseldorf (2011), der Ikon Gallery, Birmingham (2010), im Mercer Union Centre for Contemporary Visual Art, Toronto (2009), im Kunstverein Hannover (2009), im CCA Wattis Institute for Contemporary Arts, San Francisco (2008) und im Museu de Arte Contemporáneo de Castilla y León (2007) gezeigt. In Gruppenausstellungen waren sie u.a. in der Ausstellung Kunst und Philosophie im Neuen Berliner Kunstverein (2011), in der Ausstellung Experimental Station. Research and Artistic Phenomena im Centro de Arte Dos de Mayo, Mostoles, Madrid (2011), in der Magic Show, Wanderausstellung der The Hayward Gallery, London (2010),
in der Ausstellung Leopards in the Temple, Sculpture Center, New York (2010), an der
53. Biennale di Venzia (2009), an der Manifesta 7 – European Biennial of Contemporary Art in Rovereto (2008), VI Bienal de Mercosul, Porto Alegre (2007) und der XXVII Bienal de São Paulo in São Paulo (2006) vertreten.