Das französische Künstlerduo Louise Hervé & Chloé Maillet (*1981/1981, leben in Paris) produziert mit ihrem fiktiven International Institute of Important Items (I.I.I.I) Genrefilme, Vortragsperformances, Führungen, Konferenzen, Installationen und Radioprogramme. Ausgehend von Bruchstücken von historischem Archivmaterial, literarischen Vorlagen und anderen (pseudo-)wissenschaftlichen Dokumenten erfinden Hervé & Maillet Geschichten, in denen Fiktion und Realität, Illusion und Spektakel unzertrennbar zusammen fliessen. Mit streng zurückgekämmtem Haar und im uniformen Deux-Pièce referieren die beiden in ironisch-poetisch angelegten Performances. Rhetorisch brillant, mal im sprachlichen Jargon von Wissenschaft und Didaktik, mal mit aller Verführungskraft des Geschichtenerzählens, verhandeln sie das Wesen von Geschichte und Kunst, der Forschung und wissenschaftlichen Aufarbeitungsprinzipien. In ihren professionell recherchierten und gleichzeitig extravaganten Plots verschmelzen etwa Formen der Firmenkommunikation mit Sportpraktiken und futuristischer medizinischer Forschung in einem Science-Fiction-Film oder der griechische Mathematiker Pythagoras wird zum Filmhelden in einer Mischung aus Western und Schwert- und Sandalenfilm. In Ausstellungskontexten nimmt das Künstlerpaar auch Bezug zum kulturellen und sozialen Umfeld vor Ort und verwebt diese Elemente mit eigenen Themen. Diese hybride Form des Geschichtenerzählens, die die Fragmente gleichzeitig im historischen Archiv, in der Popkultur und dem Alltag aufgreift, kommentiert nebenbei auch die Explosion aller Wissensbestände, die im Internet ihren Höhepunkt findet und die Bedingungen des Geschichtenerzählens grundlegend verändert.
Pressetext
Das französische Künstlerinnenduo Louise Hervé & Chloé Maillet (*1981/ 1981, leben in Paris) produziert mit ihrem fiktiven Institut International Institute of Important Items (I.I.I.I.) Genrefilme, Vortragsperformances, Führungen, Konferenzen, Installationen und Radioprogramme. Fragmente aus Literatur und Film, historischem Archivmaterial und (pseudo-)wissenschaftlichen Dokumenten bilden die Inspiration für professionell recherchierte und extravagante Plots, in denen Fiktion und Realität, Illusion und Spektakel unzertrennbar zusammen fliessen.
In ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung in der Schweiz zeigen sie zwei Filme, die sie in einem installativen Parcours miteinander verbinden; den 2011 entstandenen Super8-Film Pythagoras and the Monsters und den eigens für die Ausstellung produzierten 16mm-Film The Wall that Bleeds (2012). In der Rauminstallation werden Elemente aus den beiden Filmen aufgegriffen und mit Objekten und einer Wandmalerei ergänzt, so dass sich die Motive zu einer zusammenhängenden Narration verbinden. Den roten Faden durch die Ausstellung bildet das Motiv der räumlichen Abtrennung, den zeitweiligen Ausschluss des Publikums, in Form von Vorhängen oder Wänden, das sich in den Filmen und auch der räumlichen Installation wiederholt. Vorhänge dienten in der Kulturgeschichte häufig als Spannungselemente (Suspense), welche dem Publikum durch teilweise oder gänzliche Verhüllung eines Geschehens eine Leerstelle für Imagination und einen Anlass für schaurige Erwartung boten. Der heimliche Blick hinter den Vorhang oder das abrupte Enthüllen von Verborgenem findet sich als Motiv in unzähligen Werken der Kunst-, Literatur- und Filmgeschichte. Hervé & Maillet geben ihren Filmen mit Super8- oder 16mm-Film-Projektionen die Aura verblichener historischer Filmaufnahmen, in denen sich Elemente verschiedener Genres, vom Sandalenfilm bis zum Horror-Thriller, zu mysteriösen Handlungssträngen verbinden. Die Darstellung von Fiktion im historischen Gewand und die Nachstellung von historischen Motiven sind wichtige Methoden ihrer künstlerischen Praxis. Ihre Installationen vermitteln damit oft den Charakter eines pseudo-wissenschaftlichen Forschungs-Displays.
Pythagoras and the Monsters ist eine Mischung aus Horror- und Historienfilm, der sich mit der legendengeprägten historischen Figur des Pythagoras beschäftigt. Um Pythagoras ranken sich viele Unklarheiten und Widersprüche und der Film inszeniert den Gelehrten in unterschiedlichen Szenen als Naturwissenschaftler, als eremitischen Schamanen, als Helden, der am Flussufer ein merkwürdiges Monster besiegt, als romantischen Reiter hoch zu Ross oder als messianischen Guru mit trauernden Jüngern. Gemäss historischen Quellen gründete er eine Schule, deren Mitglieder eine verschworene Gemeinschaft bildeten. Eine Überlieferung besagt, dass Pythagoras sein Wissen immer nur mündlich, unsichtbar hinter einem Vorhang oder in einer dunklen Höhle an seine Schüler weiter gegeben hat. Dieser halb-wissenschaftlich-gesicherte, halb-legendenhafte Stoff ist wie geschaffen für die Verarbeitung durch Hervé & Maillet. Die Künstlerinnen verweben das Motiv des Vorhangs mit den Genres des Horror- und Historienfilms und greifen das Element auf weiteren Ebenen der Ausstellung wieder auf. Sie bemalen etwa eine Wand mit einem Trompe l‘oeuil eines Vorhangs mit einem Fries mit dem Ornament eines traditionellen, floralen Stoffmusters aus der Glarner Textilindustrie und stellen so auch eine Verbindung zum lokalen Kontext des Kunsthauses her.
Im Zentrum des Films The Wall that Bleeds, der im Genre eines Psycho-Thrillers produziert ist, steht eine Wand mit kunstvoll floral ornamentierten Tapeten. Ein Mann wird Opfer klaustrophobischer Fantasien, welche in einem spannungsvollen Kameraschwenk durch verschiedene Etappen mit wechselnden Tapetenmotiven dokumentiert werden. Mit angsterfüllten Augen durchschreitet er verschiedene Szenen, in denen er Opfer einer unsichtbaren Macht zu werden scheint, die dieser Tapetenwand innewohnt. Auch hier verwenden die Künstlerinnen einschlägige Motive aus dem Genre des Horrorfilms und des Schauerromans. Die ornamentierte Tapete wird in solchen Werken oftmals als Element verwendet, das in den Wahnsinn treiben kann oder hinter dem unsichtbare Mächte ihr Unwesen treiben. Auch andere kulturgeschichtliche Implikationen, wie etwa die modernistische Streitschrift Ornament und Verbrechen (1908) von Adolf Loos, dem Wegbereiter der modernen Architektur, sind Referenzen, die die Künstlerinnen beiziehen. Dort steht das Ornament, bzw. das ornamentierte Kunsthandwerk, etwa für die übertriebene und minderwertige Kultur des Jugendstils. Dagegen postuliert Loos strenge Funktionalität und Abwesenheit von Ornamenten als ein Zeichen hoher Kulturentwicklung.
In Recherchen in Glarus stiessen die beiden Künstlerinnen auf weitere Elemente, die sie in ihre Installation einfliessen lassen. Sie präsentieren neben Stoffmustern aus der Glarner Textilindustrie auch Elemente mit Bezug zum Anna Göldi-Museum in Mollis. Im Glarner „Hexen“-Prozess (1782) - dem letzten in Europa - gegen die vermeintliche Hexe Anna Göldi findet sich wiederum eine verlockende Verbindung von Historie und Horror, die ein prägendes Element der Arbeit von Hervé & Maillet darstellt.
Für die Ausstellung in Glarus erarbeiteten Louise Hervé & Chloé Maillet nicht nur einen Parcours durch den Werkkomplex, sondern auch eine eigene Vortrags-Performance durch die Ausstellung. Während der Vernissage wird die Führung durch die Künstlerinnen selbst in englischer und französischer Sprache durchgeführt. Sie referieren in dieser ironisch-poetisch angelegten Performance mit streng zurückgekämmtem Haar und im uniformen Deux-Pièce. Rhetorisch brillant, mal im sprachlichen Jargon von Wissenschaft und Didaktik, mal im Plauderton des Geschichtenerzählens, verhandeln sie das Wesen von Geschichte und Kunst, der Forschung und ihren wissenschaftlichen Prinzipien. In der Vortrags-Performance hinterfragen sie auch Vermittlungsstrategien, die typisch für Kulturinstitutionen sind. Auch für spätere Führungen wird diese Performance als Skript dienen. Es umfasst die Präsentation von zusätzlichem Recherchematerial, anhand dessen die Besucherinnen und Besucher für Hintergründe der Fakten und Fiktionen sensibilisiert werden. Diese hybride Form des Geschichtenerzählens, die die Fragmente gleichzeitig im historischen Archiv, in der Popkultur und dem Alltag aufgreift, kommentiert ganz nebenbei auch die Explosion aller Wissensbestände, die im Internet ihren Höhepunkt findet und die Bedingungen des Geschichtenerzählens grundlegend verändert.
Die Arbeiten des Künstlerinnenduos wurden bisher in Einzelausstellungen im Kunstverein Braunschweig (2012), der Synagogue de Delme (2012), im FRAC Champagne-Ardenne in Reims (2011) und in der Galerie Marcelle Alix (2010) in Paris gezeigt. Das FRAC Nord Pas de Calais in Dunkerque (2011), das Centre d'art contemporain de Genève (2011), der Palais de Tokyo und das Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris (2010) und der Grazer Kunstverein (2009) zeigten die Arbeiten in Gruppenprojekten.